JAHRHUNDERTSOMMER.

Im schönen Noer an der Ostsee gab es heute den ganzen Nachmittag keinen einzigen Tropfen Regen, das kann ich selbst bezeugen. Jahrhundertsommer würde man so was in England nennen. Dort heißt einen Tag am Strand verbringen: Voll bekleidet, in eine Decke gewickelt und auf einem Klappstühlchen oder im Windfang kauernd Tee aus der Thermoskanne trinken, durchweichte Hot Dogs und Zuckerwatte mampfen und in den prasselnden Regen starren. Und sich dabei eine gesalzene Lungenentzündung holen, die man hernach zwischen Nylonbettlaken, bei rationiertem Heißwasser und unter den grimmigen Blicken der B&B landlady kurieren kann. Apropos grimmig – ein Tipp für alle, die sich trotz allem nicht von den Freuden der britischen seaside abschrecken lassen: Im Badeort Torquay, das wahlweise Englisches Monpellier, Englisches Neapel oder Englisches Bielefeld genannt wird, findet man das Hotel Gleneagles, dessen einstiger unhöflicher Besitzer Donald Sinclair seinerzeit nicht nur den Titel “Garstigster Hotelier der Welt” erhielt, sondern der auch John Cleese zur berühmten Hotel-Serie Fawlty Towers inspirierte.

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DAGEGEN KANN PICASSO EINPACKEN.

Wie man bei der laufenden Picasso-Ausstellung im Museum für Kunst und Gewerbe am Steintorplatz sehen kann, ist manches, was irre spleenig rüberkommt, einfach gewiefte Selbstvermarktung. In England wäre Picasso jedenfalls nie als Exzentriker durchgegangen, denn als solcher muss man sich dort vor allem völlig im Unklaren darüber sein, dass man einen an der Marmel hat. Wie der Gutsherr Charles Waterton, der auf einem Krokodil auszureiten pflegte. Der fünfte Herzog von Portland, der 15 Meilen Tunnel um sein Grundstück baute, um ungestörte Spaziergänge machen zu können. Der Graf von Mar, der 1975 bei seinem geliebten Hobby Taubentreten das Gleichgewicht verlor und vom Balkon stürzte. Der selbsternannte Alien Graf von Clancarty, der im House of Lords eine UFO Arbeitsgruppe gründete, bevor er 1995 starb – bzw. zum Mars zurückkehrte. King Arthur Uther Pendragon, der seit 22 Jahren mit Krone, Schwert und Kriegsrüstung über die Insel zieht. Der arbeitslose Captain Beany from the Planet Beanus, der als baked bean verkleidet bei unzähligen Wahlen kandidiert hat. Der Künstler Paul Hurley, der eine Woche in Frischhaltefolie eingewickelt in einem Schlammloch ausharrte, um das Gefühlsleben eines Regenwurms nachempfinden zu können. Der Elektriker Andy Park aka Mr. Christmas, der seit 1993 täglich Weihnachten feiert. Der verblüffend leistungsschwache Skispringer Eddie the Eagle, der dank seiner Kurzsichtigkeit und einer permanent beschlagenen Brille bei allen internationalen Wettbewerben zuverlässig den letzten Platz erringt … und, und, und. Die Liste ließe sich endlos weiterführen, denn laut Wissenschaft ist jeder 200. Brite in irgendeiner Art exzentrisch. Geradezu an der Tageordnung sind in England nerdige plane-spotters, Flugzeugbeobachter, train-spotters, Zugbeobachter, und – vermutlich die Unberührbaren unter den spottersbus-spotters – Busbeobachter. Ein Mann aus Bristol bekannte sich sogar dazu, ein pylon-spotter, ein Strommastenbeobachter, zu sein. Sollte His Royal Highness Prince Charles in diesem Leben doch noch mal den Thron besteigen, wäre das die Krönung: Ein Staatsoberhaupt, das am liebsten ein Tampon wäre, mit Pflanzen spricht und nie ohne seine eigene Klobürste verreist: Da hätte Picasso noch viel lernen können!

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DU JU SPIEK INGLISCH?

Mit der Aussprache im Ausland ist es so eine Sache. Das erfuhr ich jüngst wieder, als ich in einer französischen Boulangerie nach einer Rosinenschnecke verlangte, und der Blick der Verkäuferin vermuten ließ, dass ich statt des gewünschten Gebäcks ein lustiges Insekt oder Geschlechtsverkehr mit dem Geschäftsführer bestellt hatte. Auch die englische Phonetik hat es in sich. Nehmen wir nur mal die Buchstabenkombination o-u-g-h. Im Wort through – auf Deutsch: durch – wird diese thruu gesprochen. Einfach. Im Wort rough – auf Deutsch: rauh – spricht man sie raff. Warum? Keine Ahnung. Wort Nummer drei: dough – auf Deutsch: Teig – wird weder duu noch daff ausgesprochen, sondern: doh. Ha! Weiter im Programm. Was englische Grundschulkinder können, können wir auch. Wort vier: plough – auf Deutsch: Pflug – spricht man plau. Keine Sorge, die Engländer sind ein verständnisvolles Volk, und keiner wird sich lachend auf dem Pub-Boden herumwälzen, nur weil man ein Pluuuuumans, Plaffmans oder Ploomans Lunch bestellt hat, woher denn, haha. Fünftens. Lough  – auf Deutsch: See – klingt so: lock. Warum? Gute Frage. Sechstens: Cough – auf Deutsch: Husten – spricht man: koff. Uff. Hiccough wiederum – auf Deutsch: Schluckauf – spricht man nichtsdestotrotz: Hikkap. Alles klar? Zwei Wörter, deren Aussprache vielen Werbern und Marketingleuten große Schwierigkeiten bereitet, sind übrigens lounge (gesprochen laundsch, Bedeutung: Aufenthaltsraum) und launch (gesprochen lohrnsch, Bedeutung: Einführungsphase). Weshalb man immer wieder lustige Fragen hören kann, wie die, wann denn der Aufenthaltsraum losgeht. Oder die, ob vor dem Abflug wohl noch genug Zeit ist, sich in die VIP-Einführungsphase zu setzen. Aber selbstverständlich ist noch Zeit enaff, enuu, enoo, enau, enock, enoff und enap!

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DIE LEAD AWARDS: NOT TOO BAD.

Ich war gestern Abend auf den Lead Awards – einer Preisverleihung, die – für Werber unfassbar – ohne großes Blingbling und Tadah auskommt. Mit einem selbstironisch bescheidenen Thomas Gottschalk („Endlich darf ich wieder am Hauptabend auftreten.“) Mit vielen Auszeichnungen für Independent- und Nischentitel. Und mit Preisträgern, die mit verkrumpeltem Lorbeerkranz aus dem Urlaub grüßten oder auf die Frage nach ihrem Erfolgskonzept Sachen sagten wie „Ja, man versucht halt, was Neues zu machen.“ Not too bad! möchte man da jubeln. Was unter Engländern so ungefähr das überschwänglichste Lob ist, das man sich denken kann. Wer es dabei noch schafft, dreinzuschauen wie sieben Tage Regenwetter, kann gleich die britische Staatsbürgerschaft beantragen.

Engländer machen kein großes Gewese um die eigene Leistung. Auch wenn man barfuss den Mount Everest erklommen, den London Eye aus einem Streichholz geschnitzt oder ein Gemüse gegen den Welthunger gezüchtet hat – spielt man die Chose mit einem beiläufigen “Ach, das ist gar nichts – nur ein kleines Hobby von mir.” runter. Unter nicht der Rede wert rangieren auch die Leistungen berühmter Landsmänner. Ein Engländer wird niemals von David Beckham sagen, dass der ein Spitzenspieler sei, sondern höchstens anmerken: “Er hat einige Spiele hinter sich.” John Lennon behauptete seinerzeit von Ringo Starr, dieser sei „nicht mal der beste Schlagzeuger innerhalb der Beatles“. Und als Colin Firth 2011 für den Oscar nominiert wurde, war sich die gesamte englische Presse einig, dass das nur in die Hose gehen kann. Als Firth dann doch den Oscar gewann, bedankte er sich postwendend bei seiner Filmcrew dafür, dass sie es ihm schwer gemacht hatte, „so schlecht zu sein, wie ich es eigentlich vorhatte.“ Soviel Sich-selbst-kleinmachen treibt mitunter lustige Blüten. Wie bei der Veröffentlichung des Buchs mit dem Titel Craptowns – Scheißorte – dem der zweite Band direkt auf dem Fuß folgte, weil sich so viel Engländer beschwerten, dass ihr Wohnort es nicht ins erste Band geschafft hatte.

So gesehen könnten die Ausrichter der Lead Awards vielleicht doch was verbessern: Indem sie sich zwecks noch mehr Understatements künftig Follow Awards nennen?

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GOODBYE ZIEGENSCHULE!

Sieht man in England Menschen in quer gestreiften Anzügen hinterm Steuer, sind das für gewöhnlich keine entflohenen Häftlinge, sondern Eltern, die ihre Kinder in Pyjamas zur Schule fahren. School runs heißt die Sitte, die sich eingebürgert hat, seit die britischen Medien der Bevölkerung einbläuen, dass alle Männer über 16 – also auch Fahrer von Schulbussen – potentielle Kinderschänder sind. Vielleicht fahren englische Eltern ihre Kinder auch nur deshalb zur Schule, weil Engländer wahnsinnig gerne Auto fahren. Am Wochenende sieht man in England überall Familien, die selbst in der atemberaubendsten Landschaft – zum Beispiel in Hampstead Heath, Devon oder Stone Henge – direkt neben ihren Autos picknicken, den Blick stoisch in Richtung Fahrzeug gewandt. Andere steigen gar nicht erst aus, sondern kurbeln die Fenster bis zum Anschlag hoch und machen, auf den Sitzen zusammen gepfercht, ein Nickerchen. A lovely day in the open nennt man das. Ich werde heute bei einem lovely walk in the open meinen Sohn Mika zum allerletzten Mal von der Grundschule abholen. Mit leichter Wehmut im Herzen und im seriösen Eimsbüttler Streetstyle, welcher dem englischen Pyjama-Look gar nicht mal so unähnlich ist.

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TOTE PFANNE.

Erinnert ihr euch an das Spiel, bei dem sich zwei angucken, und wer zuerst lacht, hat verloren? Genau so geht britischer Humor. Dead pan heißt der Gesichtsausdruck, den hierzulande nur vollgeboxte Promis hinkriegen, und der in England immer dann zum Einsatz kommt, wenn es komisch wird. Der Witz am englischen Humor ist, dass man dabei keine Miene verzieht – geschweige denn: sich vor Lachen auf die Schenkel schlägt, sein Gegenüber anstupst oder irgendwas anderes Hilfreiches macht, um anzudeuten, dass man gerade etwas Witziges gesagt oder gehört hat. Auch das angeblich so britische und unter deutschen Marketingleitern oft strapazierte twinkle in the eye praktiziert kein Engländer, der etwas auf sich hält. Das plus die Tatsache, dass der englische Humor mit Kalauern, Doppeldeutigkeiten und Insiderwitzen nur so gespickt ist, macht es für Deutsche nicht leicht, ihn zu entschlüsseln.

Krauts sind – englischen Umfragen zufolge – aber ja ohnehin das unlustigste Volk der Welt. Englische Wissenschaftler behaupten, das läge an der deutschen Sprache, die zwar prima für militärische Großkundgebungen oder Zündkerzen-Einbau-Anleitungen sei, aber nicht zum Witzigsein tauge. Das sehe man ja schon an Wörtern wie  Donaudampfschiffsfahrtsgesellschaftskapitän oder Rindfleischetikettierungsüberwachungsaufgabenübertragungsgesetz

Nichts desto trotz gibt es eine Handvoll deutscher Comedians, die regelmäßig durch England touren. Diese sind, kann man sagen, nicht die Speerspitze deutschen Humors. Vermutlich will das englische Publikum, das deren Vorstellungen besucht, auch nur mit eigenen Augen sehen, dass es so was wie Deutsche Lustigkeit überhaupt gibt. Und betrachtet die Sache mit demselben gönnerhaften Gefühl, mit dem Deutsche ein chinesisches Auto betrachten. Natürlich machen sie es so gut sie es eben können, die Chinesen. Aber der Aschenbecher ist dann doch irgendwie fipsig. Und der Blinker wird, so wie er aussieht, bei der ersten Kurve abbrechen. Ist eben doch nicht deutsche Qualitätsarbeit. Herrlich! Die Mehrheit der Engländer ist fest davon überzeugt, dass Zuschauer in deutschen Comedy Clubs singen, klatschen und mit den Füßen im Takt stampfen und dazu komische, altertümliche Kostüme anziehen. Wer, der einmal das Öffentlich-Rechtliche Fernsehen eingeschaltet hat, will es ihnen verdenken?

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SORRY, JENS!

Ich möchte mich bei meinem technisch versierten Nachbarn Jens (der fast so technisch versiert ist wie meine Nachbarin Ari) dafür entschuldigen, dass er heute top-wichtige Dateien für mich umwandeln musste, die sich später als top-unwichtig herausstellten.

Ein durchschnittlicher Engländer entschuldigt sich laut Untersuchungen etwa sechzig Mal am Tag. Dafür, dass er die Frechheit besitzt, eine mangelhafte Ware zu reklamieren (Verzeihung, dass ich Sie belästige, kann es sein, dass dieser Fön, der mein Haus in Brand gesetzt hat, womöglich nicht ganz einwandfrei funktioniert?). Dafür, dass er die Impertinenz hat, etwas im Restaurant zu bestellen (Entschuldigung, ich möchte Sie nicht stören, aber wäre es wohl unter Umständen machbar,  dass ich die Speisekarte einsehen könnte?). Dafür, dass er die Dreistigkeit hat, ein Taxi in Anspruch zu nehmen (Pardon, ich fürchte, ich müsste zum Finsbury Park, aber natürlich nur, wenn Sie meinetwegen keine Umwege auf sich nehmen müssen?). Zum Beispiel. Meine Schwägerin entschuldigte sich während meines letzten Londonbesuchs dafür, dass es in der Zeit ein paar Mal geregnet hatte, dafür, dass ich nur fünf Tage Urlaub hatte und dafür, dass mein Rückflug Verspätung hatte. Großmütig, wie ich bin, verzieh ich ihr alle drei Dinge. Selbst wenn Sie einem Engländer auf den Fuß treten, wird er sich bei Ihnen entschuldigen, dass er und sein ungeschickter Fuß Ihnen im Weg waren. Wenn ein Engländer nicht gerade dabei ist, sorry zu sagen, dann höchstens deshalb, weil er gerade dabei ist, please oder thank you zu sagen. In diesem Sinne noch mal: Thank you, Jens!

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HEN-NIGHT VS. EM-NIGHT

Ich bin heute auf einem Junggesellinnenabend. Hen-night heißt so was in England: Hühnernacht. Dabei sitzt die mit Brautschleier, Plastikglitterkram und Straßenabsperrhütchen geschmückte Braut in spe vor einem Glas Weinschorle, während ihre mit Danger, woman drinking und No cocks allowed T-shirts bekleideten Freundinnen eimerweise Cocktails kippen, schmutzige Lieder grölen und alles anbaggern, was nicht bei drei auf den Bäumen ist. Ein deutscher Freund von mir geriet einmal versehentlich in eine hen-night. Er trug zwar nur ein paar Knutschflecken und kleinere Schürfwunden davon, behauptet aber, eine Begegnung mit Hooligans sei dagegen ein Streichelzoo. So gesehen wird die Männerwelt heute also glimpflich davon kommen – schon allein, weil kein Mann, der was auf sich hält, sich zwischen 18.00 und 23.00 Uhr in einem Hühner-Restaurant blicken lassen wird, in dem kein Flachbildschirm an der Wand hängt.

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WHAT YOU SAYIN’, BLAD?

Jedes dritte Wort, das mein Sohn sagt, heißt hart. Die Schule ist hart langweilig. Ausgehzeiten sind hart ungerecht. Eltern sind hart peinlich. Ich glaube sogar, hart weich geht. Immerhin kann ich meinen Sohn ohne Wörterbuch verstehen. Was manchen Londoner Müttern schwer fallen dürfte, seit in der englischen Hauptstadt immer mehr Jugendliche Jafaican, auch Tikkiny genannt, sprechen. Der Kauderwelsch aus Englisch, Jamaicanisch, Indisch und Rap, der zur Beängstigung vieler Engländer das mindestens so unverständliche urenglische Cockney verdrängt, wird zunehmend von weißen middle class Jugendlichen mit schlechten dreadlocks und tiefergelegten Jeans gesprochen, die glauben, sie seien Ali G. oder gangstas aus einem Jamaicanischen Ghetto. Ein Tipp: Wer alle Folgen der TV Serie „The Wire“ über Drogenhandel in Baltimore im Original gesehen hat, versteht zumindest im Ansatz, was mit Safe, man. (Hallo), Rah, das nuff nang! (Das ist gut), Mek wi njam (Wollen wir was essen?), oder Mi nuh like fi bowcat (Ich möchte keinen Oralsex) gemeint ist und kann entsprechend handeln. Apropos seltsame Akzente: In jüngster Zeit soll es eine zunehmende Zahl von Engländern geben, die den deutschen Akzent sexy finden – angeblich, weil er so aufregend hart klingt. Es gibt sogar Anleitungsfilme auf Youtube, die Engländern beibringen wollen, wie man den deutschen Akzent authentisch hinkriegt. Also nicht schämen, wenn das mit dem proper accent nicht klappt, sondern immer daran denken: Vie ar se Tschämpjens!

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THE TUBE CHALLENGE

Eine britische Dame, die noch viel länger im Amt ist als die Queen, nämlich seit 1890, ist die London Underground. Deren Kosename tube – auf deutsch: Schlauch – beschreibt die Mühen, die mit diesem Fortbewegungsmittel verknüpft sind, treffend. Die tube ist nicht nur das größte unterirdische, sondern auch das unzuverlässigste Verkehrssystem der Welt. Tube Challenge heißt ein Sport, der 1961 zum ersten Mal im Guinness Book of Records Erwähnung fand. Die Aufgabe: Alle 275 Stationen der London Underground in einem Rutsch und in der kürzest möglichen Zeit abfahren. Der Rekord liegt bei 18 Stunden und 25 Minuten und wird von zwei Schweden gehalten. Wobei die hauptsächliche challenge nicht in der Kenntnis des Streckennetzes und des Zeitplans besteht, sondern in der Bewahrung der Contenance, wenn mal wieder sämtliche Züge entweder umgeleitet werden, Verspätung haben oder zusammenbrechen, weil sie, wie gesagt, sehr, sehr alt sind. Manchmal brechen statt der Züge auch die Reisenden zusammen. Womöglich, weil sie schon so lange auf ihren Anschlusszug warten, dass auch sie mittlerweile sehr, sehr alt sind, oder aber weil es Sommer ist, und bei den Temperaturen in der tube dann, wie Wissenschaftler vor ein paar Jahren feststellten, sogar Tiertransporte unzulässig wären. Beides erklärt, warum die tube eine beliebte Selbstmord-Location ist, was wiederum zur Folge hat, dass es eine unerschöpfliche Vielfalt von Ansagen gibt, die auf bemerkenswert kreative Weise mitteilen, dass gerade jemand überfahren wurde, wie zum Beispiel: “Die Fahrt verzögert sich aufgrund einer spontan behinderten Person”. Da nicht alle darüber informiert sind, dass die tube sich ihren Strom aus den Schienen holt, segnen manche unachtsamen Passagiere übrigens auch aus Versehen das Zeitliche – obendrein mit einer ziemlich unvorteilhaften Frisur. Was lernen wir daraus? Mind the gap!

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THANK YOU FOR TRAVELLING WITH NATIONAL RAIL.


Mittlerweile werden selbst die, die mit einer Bahn der National Rail zum Queen’s Jubilee angereist sind, gerade rechtzeitig eingetroffen sein, um den ausklingenden Feierlichkeiten beizuwohnenManchmal sind Naturgewalten schuld daran, dass britische Züge sich verspäten, in der Streckenmitte stehenbleiben oder ganz ausfallen: “Wir fürchten, es gibt etwas Verspätung wegen auf den Bahnschienen weidenden Schafen”. Manchmal erstaunliche hygienische Verhältnisse: Wir entschuldigen uns für den Ausfall des Zugs. Die Fahrerkabine ist von Flöhen befallen”. Manchmal auch unerwartete Aktivitäten der Bahnmitarbeiter: “Es wird eine kurze Verzögerung geben, da Ihr Fahrer augenblicklich noch im Taxi in der Nähe von Watford sitzt”. Fest steht: Irgendwas ist immer. Vollkommen überraschend für die Railway Betreiberbrechen auch Jahreszeiten wie Herbst oder Winter ein, in denen einzelne herabfallende Blätter oder winzige Schneeflocken sofort den gesamten Gleisverkehr zum Stillstand bringen und zur nationalen Katastrophe führen. Ein Umstand, der für gewöhnlich damit erklärt wird, dass es sich dabei um the wrong kind of leaf, also die falsche Sorte Blatt oder um the wrong kind of snow, die falsche Sorte Schnee gehandelt habe. Auch Staub oder Tau brachten den Bahnverkehr schon zum Erliegen. Gelegentlich werden, so berichtete ein Passagier eines der Virgin Lines Züge, die Fahrgäste psychologisch geschickt in den Verzögerungsprozess mit einbezogen: “Hat jemand unter den Passagieren einen verstellbaren Schraubenschlüssel, den wir ausleihen könnten?” Hilft selbst das nicht weiter, fällt der furchterregende Begriff Signal Failure. Schlimmer als dieses lesen oder hören zu müssen, ist es allenfalls, eines der labberigen, durchweichten, geschmacklosen, in Plastikfolie eingepackten Railway Sandwiches essen zu müssen. Ohne hier in furchterregende Details zu gehen: Es handelt sich dabei definitiv um the wrong kind of sandwich.

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SPA AUF ENGLISCH.

Das größte Mysterium Großbritanniens neben den sagenumwobenen Kreisen im Kornfeld und Lochness-Monster Nessie ist die Abwesenheit von warmem Wasser in englischen Badezimmern. Obgleich die Mischbatterie 1880 in England (!) erfunden wurde, hat sich das bei einheimischen Klempnern noch nicht rumgesprochen. Beim Händewaschen oder Duschen unter Einzelwasserhähnen hat man folglich die Wahl zwischen arktisch kaltem oder kochend heißem Wasser – falls man es überhaupt schafft, die Hände oder irgendein anderes Körperteil unter die direkt an der Beckenwand angebrachten, irrsinnig kurzen Wasserhähne zu quetschen. Meiner Erfahrung nach lässt sich allerdings durch blitzschnelles Hin- und herbewegen der Hände unter beiden Wasserhähnen (praktisch eine Art extrem zackiger Kneippkur) zumindest der Eindruck einer Durchschnittstemperatur herstellen. Wer wiederum zu groß ist, um unter den in Wadenhöhe angebrachten Badewannenhähnen zu duschen, behilft sich ganz einfach mit shower equipment: einem Gummischlauch, der auf der einen Seite einen Duschkopf hat und sich an der anderen Seite zu zwei Schläuchen gabelt – Den einen davon steckt man auf den Heißwasserhahn, den anderen auf den Kaltwasserhahn, fertig ist die topmoderne englische Dusche – there you go!

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BEWARE OF THE ENGLISH WINDOW!


Das Landgericht Frankfurt entschied letzte Woche, dass auch vollberufstätigen Mietern zugemutet werden kann, drei bis viermal am Tag die Wohnung zu lüften, um Schimmel zu vermeiden. Da haben es die Engländer besser, deren Häuser lüften sich nämlich ganz von alleine, weil arktische Winde ungehindert durch alle Fenster,- Tür-, Wand- und Dachritzen pfeifen. Und durch die einfach verglasten Fensterscheiben natürlich, deren fipsige Gardinen ohnehin nur dazu da sind, um heimlich zu gucken, was der Nachbar in No. 76 von Dark Desires geliefert bekommt.

Auch durch die Türen zieht es. Wer mal in einer englischen Krimiserie gesehen hat, wie ein Polizist auf Verbrecherjagd hey presto die Türe zum Bad durchtreten hat, als wäre sie aus Oblatenpapier, weiß, warum: Sie ist aus Oblatenpapier. Ach ja, und da hierzulande handelsübliche Isolierungen in England unüblich sind, zieht es auch noch durch die Wände. Und – infolge fehlender Keller – zudem durch die Böden. Kurz: Es zieht in englischen Häusern wie Hechtsuppe, dagegen können auch die gemütlichen englischen Kamine nicht anstinken, die so rappzapp Frontalwärme verbreiten, dass man schon erste Brandwunden im Gesicht hat, bevor die Eisplatten in der Nierengegend abgetaut sind.

Falls man als deutscher Durchlüftfreak trotzdem zusätzlich frische Luft ins Zimmer lassen möchte, sollte man die Fenster keinesfalls auf eigene Faust öffnen! Die typisch englischen Schiebefenster sind nämlich absichtlich so konstruiert, dass man beim Gegeneinander-Schieben der unteren und oberen Fensterscheibe seine Finger darin verklemmt und ohne fremde Hilfe nie wieder freikommt. Vielleicht soll das Einbrecher abschrecken. Vielleicht verbirgt sich dahinter auch eine einträgliche Kooperation der englischen Schreiner-Innung mit der englischen Chirurgen-Innung. Man steckt nicht drin. Oder, im blödsten Fall eben doch.

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DER TOTE IST IMMER DER GÄRTNER.

Durch übermütiges Herumhieven von Pflanzenkübeln zog ich mir am Wochenende einen Hexenschuss zu, weshalb ich heute in gebückter Haltung den Arzt aufsuchen musste, und nicht in der Agentur, sondern in meinem home office arbeite. Mit Heizkissen, ABC-Pflaster, Ibu Ratiopharm 600, Tramadol-ratiopharm 50 und Matschbirne. 

Damit bin ich nicht allein. Die Engländer sind ausgewachsene green fingers, die beim allerersten frühlingshaften Vogelgezwitscher Freddie-Krüger-artig mit Aufsitzrasenmähern und Rasentrimmern über die erwachende Vegetation herfallen. In Folge sind englische Notaufnahmen (Accidents & Emergencies, kurz: A&E) in der Pflanzzeit grundsätzlich voll von erdkrumenbedeckten Menschen in Gartenkittel, Clogs und Sonnenhütchen, die sich verhoben, Insektenvernichter ins Auge gesprüht oder mit der Nylonschnur der Motorsense die Zehenkuppen abgefräst – und sich selbst damit ein paar Tage außer Gefecht gesetzt haben. 

Eine andere Form von Auszeit bezeichnet der hübsche Begriff  Gardening leave, sprich: Gärtner-Beurlaubung. So heißt in England nämlich das, was in Deutschland Vertragliches Wettbewerbsverbot genannt wird, der Zeitabschnitt also, in dem man nach der Kündigung von seinem ehemaligen Auftraggeber dafür bezahlt wird, dass man nicht für die Konkurrenz arbeitet. Vielleicht hoffen englische Arbeitgeber, dass man beim Gießen von Gänseblümchen und Geranien alle Betriebs-Geheimnisse vergisst…? Auf jeden Fall klingt „I’m on Gardening Leave“  – Ich bin auf Gärtner-Beurlaubung – natürlich viel eleganter als „I was sacked“ – Ich wurde gefeuert.

Und Hexenschuss heißt auf englisch übrigens lumbago.  Auch irgendwie cooler.

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MARMAGEDDON!

In Neuseeland ist offizieller Notstand ausgerufen worden. Aufgrund von Produktionsschwierigkeiten ist der beliebte britische Brotaufstrich Marmite so knapp geworden, dass die neuseeländische Regierung die Bevölkerung jüngst aufrief, das Zeug nur auf Toast (statt auf Brot) zu streichen, weil der Verbrauch dann sparsamer sei. Ich verstehe den Ernst der Lage. Ich gehöre zu den Menschen, die Marmite für ein Grundnahrungsmittel halten und ohne ein Glas davon im Gepäck nicht mal die Stadt verlassen würden.

Marmite, muss man wissen, ist ein Brotaufstrich, der aussieht wie dunkle Schuhcreme, aus Hefeextrakt, Gemüse und Salz besteht, und die englische Nation in Marmite-Liebhaber und Marmite-Hasser spaltet. Am köstlichsten schmeckt das Zeug auf heißem Weißbrottoast. In Windeseile (nämlich bevor der Toast abkühlt, Sie dürfen ruhig im Weg stehende Familienmitglieder oder Haustiere zur Seite stoßen) erst dünn mit Butter bestreichen, dann fast so dünn mit Marmite bestreichen. Dann den Toast in zwei Zentimeter breite Streifen schneiden und, jetzt kommt’s: die Streifen noch mal vertikal einschlitzen. Und dann sofort: Mmmmh! Und es sei hier ein für alle mal gesagt: Das würzlose deutsche Vitam R nimmt sich im Vergleich zu Marmite aus wie ein Trittroller zu einem Rolls Royce.

(Der Ausgewogenheit halber hier die unmaßgebliche Anmerkung meines Freundes Alex: „Alles Quatsch. Ein Marmite-Brot sieht aus wie ein Stück Weißbrot, das während einer Ölkatastrophe an den Strand gespült wurde. Wenn man den Fehler begeht, reinzubeißen, sehnt man sich nach einem Stück Weißbrot, das während einer Ölkatastrophe an den Strand gespült wurde.“)

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